Wer die Verantwortung trägt – Von Zuwanderung und Integration

25 10 2010

„Die wollen sich doch gar nicht Integrieren!“ so oder so ähnlich wird oft auf das angebliche oder scheinbare Misslingen von Integrationsprozessen geblickt. Angestoßen durch die Debatte die in jüngster Zeit durch die Medien geistert habe ich mir Gedanken zur Integration, zum Aus- und Zuwandern sowie zur Verantwortung hierbei gemacht. Herausgekommen sind 4 Thesen und eine Schlussfolgerung.

These 1: Freizügigkeit ist zentrales Recht aller Menschen.

Jeder Mensch hat keinen Einfluss auf den Ort, die Umstände und die Gesellschaft in die er hineingeboren wird. Niemand hat sich die Umstände in denen er die Welt betritt ausgesucht, verdient oder verursacht. Damit bleibt jedem Menschen für seine Ursprungsgesellschaft nur drei Optionen „Love it, leave it or change it“. Da die Möglichkeit die eigenen Lebensumstände zu lieben sehr von den Umständen abhängen und nicht alle Umstände geändert werden können ist es notwendig, dass jeder und jede die Möglichkeit hat seine Umstände zu verlassen. Es gilt also allen Menschen das Recht auf Freizügigkeit zu gewähren.

These 2: Zuwanderung ist völlig normal.

Bei einer Radikalen Interpretation von Zuwanderung, macht jeder Mensch zumindest eine Zuwanderung durch: nämlich sein hineinwachsen in seine Umwelt nach der Geburt. Da aber wir in der Regel in eine Umwelt hineinwachsen die unsere Bedürfnisse nicht, insbesondere nicht über unsere gesamte Lebensspanne hinweg, erfüllt wandern wir in der Regel in mehrere Gesellschaften hinein. Für manche bedeutet das von einem Stadtteil in den Anderen oder vom Land in die Stadt zu ziehen, für andere bedeutet es von Kerpen nach Amsterdam oder von Afrika nach Italien zu ziehen. Es zeigt sich das Zuwanderung für uns alle normal ist auch wenn die Ausmaße interindividuell sehr unterschiedlich sind.

These 3: Jeder und Jede hat einen guten Grund Aus- und Zuzuwandern.

Niemand verlässt ohne Grund seine Lebensumstände um sich neue zu suchen. Erstaunlicher weise maßen sich viele an diese Gründe in gute und schlechte zu unterteilen. Die Sehnsucht nach einem besseren leben, näher am Arbeitsplatz zu wohnen, mit dem Partner oder der Partnerin zusammen zu wohne, in einer Großstadt leben zu wollen, in den neuen Lebensumständen mehr zu verdienen, dass alles sind gute Gründe sich dazu zu entschließen das Glück an einem neuen Ort oder in einer neuen Gesellschaft zu suchen. Außerdem gibt es unzählige Menschen für die die Wahl besteht zwischen Hunger und Auswandern, Folter und Auswandern oder Tod und Auswandern. Wenn eine Bewertung der Gründe stattfindet dann sind diese allemal die besseren gründe. Grundsätzlich sollten wir aber alle Gründe die zum Aus- und Zuwandern bewegen als gute Gründe akzeptieren.

These 4: Zuwandern ist schwer.

Jeder der schon einmal in eine ganz fremde Stadt gezogen ist kann das nachvollziehen. Es ist nie einfach seine Leben an einen neuen Ort, in eine neue Gesellschaft zu verlegen. Vieles wird zurückgelassen, FreundInnen verlassen und manches Liebgewonnene aufgegeben. Auch steckt der neue Ort voller Herausforderungen, soziale Kontakte müssen geknüpft, das Leben muss organisiert und eine Unterkunft gefunden werden  Wer seine bisherigen Lebensumstände verlässt geht einen Weg der schwer und mühsam ist, umso größer die Veränderung umso schwerer der Neuanfang.

Folgerung: Die Zuwanderungsgesellschaft ist für die Integration der Zuwandernden verantwortlich.

Wenn Auswanderung völlig normal ist und gleichzeitig ein große Herausforderung ist dann gibt es nur einen Weg, wenn wir erfolgreich und menschenwürdig mit Zuwanderung umgehen wollen: Die Zuwanderungsgesellschaft muss sich Verantwortlich fühlen. Dazu gehören verschiedene Komponenten:

  • Ein Klima des Willkommenseins schaffen: Nur wenn ich mich gewollt und willkommen fühle habe ich die Möglichkeit mich positiv mit der neuen Gemeinschaft zu identifizieren.
  • Voraussetzungen schaffen: Nur wenn zugewanderte in die Lage versetzt werden auch an der Gesellschaft teilzunehmen, tun sie es auch. Das umfasst natürlich das Angebot die Sprache und gesellschaftlichen Code zu lernen aber auch die finanzielle Ausstattung am Sozialen und Kulturellen Leben teilzunehmen.
  • Die Zuwanderung begleiten: Nur wenn personale Begegnung ermöglicht wird und niemand auf sich gestellt sich selbst durch den „Dschungel“ der Gesellschaft kämpfen muss, besteht die Chance den eigenen und Platz zu finden.
  • Volle Beteiligung ermöglichen: Nur wenn ich auch an allen Prozessen der neuen Gesellschaft teil haben kann und die Gesellschaft im selben Maße wie alle anderen Mitgestalten kann fühle ich mich für die neue Gesellschaft verantwortlich.

Natürlich kann auch unter diesen Bedingungen, aus den verschiedensten Gründen, misslingen. Aber nur so ist Integration kein springen über fast unüberwindliche Hürden sondern ein guter Prozess der ermöglicht einen eigenen Platz in der neuen Gesellschaft zu finden. Ein umdenken hin zu der Verantwortlichkeit der Zuwanderungsgesellschaft bietet den Rahmen in dem Immigration weder Aufgabe der Identität der Zuwandernden noch isolierte Parallelgesellschaften bedeutet sondern konstruktives miteinander aller an einem Ort oder in einer Gesellschaft lebenden.


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