Vom 8. auf den 9. Juli fand in Mannheim die Auftaktveranstaltung des Dialogprozesses der katholischen Christen in Deutschland statt. Von 2011 bis 2015, dem 50. Jubiläum des II Vatikanischen Konzils, will die Deutsche Bischofskonferenz mit den Katholiken in Deutschland über die brennenden Fragen, die uns alle beschäftigen sprechen und Perspektiven entwickeln, die unsere Kirche neu in der Welt verankert. Im Kern geht es darum, wie sich die Kirche gestalten soll. Hierzu haben die Bischöfe drei Jahresthemen vorgegeben, unter denen in den kommenden Jahren die verschiedenen Sorgen, Note und Wünsche diskutiert werden sollen. Es wird um Caritas (Tätigsein in der Welt), Liturgia (Feier des Glaubens) und Martyria (von Gott erzählen) gehen und wie wir uns, in diesen Feldern, aufstellen wollen.
Die Auftaktveranstaltung ist durch die Einladung der Deutschen Bischofskonferenz entstanden. Es kamen 300 Vertreter_innen aus verschiedensten Bereichen der Kirche zusammen. Dabei waren die Laienräte (PGRs, Diözesanräte, ZdK), die pastoralen Mitarbeiter_innen, Vertreter der Priester, die Geistlichen Gemeinschaften und die Orden, Theolog_innen, die Caritas und die Verbände. Jede Diözese hat Vertreter_innen entsannt, die möglichst die Vielfalt der Katholiken widerspiegelte. Von Freitagmittag bis Samstagnachmittag kamen wir im Kongresszentrum Mannheim zusammen.
Ich war als Vertreter der Jugendverbände im Erzbistum Köln dabei. Hingefahren bin ich ohne jegliche Erwartungen. Die Einladung wirkte, als seien die Unterlagen unvollständig, und es gab einen Zeitplan, der neben Gebeten und Gottesdiensten vier Arbeitseinheiten aufwies, ohne jeden Hinweis auf Inhalt oder Form zu geben. Durch lange Erfahrungen in der Kirche insbesondere mit der Amtskirche war meine Erwartung, dass wir im besten Fall viele Monologe hören und im schlechtesten Fall eine Kirchenspaltung produzieren.
Meine Erwartungen wurden aber deutlich übertroffen. Statt klassischer Konferenz oder Podiumssituation erwarteten uns Stuhlkreise mit ca. acht Stühlen. Diesen Stuhlkreisen waren wir zufällig zugeordnet, sodass bunte und vielfältige Konstellationen entstanden. Die erste Arbeitseinheit war ein Kennenlernen. Es ging darum, unsere Erwartungen und Befürchtungen für den Dialogprozess auszutauschen und festzuhalten. Darüber hinaus stellten wir uns gegenseitig unsere „Energiequellen“ vor, also Situationen und Begebenheiten, die unsere Hintergründe und Motivation darstellen. Die Ergebnisse wurden exemplarisch im Plenum vorgestellt.
Als zweiten Schritt lösten wir unsere Gesprächskreise auf und begaben uns in homogene Gruppen. Verbandler_innen arbeiten mit Verbandler_innen, Bischöfe mit Bischöfen und Gemeindevertret_innen mit Gemeindevertret_innen. Und wir beantworteten die Fragen „Worauf seit ihr stolz?“ und „ Was bedauern wir?“ Die Auswertung im Plenum zeigte noch mal die große Vielfalt an Stärken, die es in unserer Kirche gibt, aber sie machte auch deutlich, dass wir alle Schwächen und Entwicklungspotenzial haben. Hier wurde aber auch deutlich, dass die Unterschiede und das gegenseitige „Sich-nicht-verstehen“ nicht zwischen Laien und Geweihten besteht, sondern dass dies Phänomene sind, die sich in allen Gruppen auch intern zeigen.
Auf dieser Basis sind wir dann in der dritten Arbeitseinheit wieder in unsere ursprünglichen Kleingruppen gegangen und haben unsere Visionen für eine Kirche 2015 gesammelt. Diese wurden dann auf zentrale Kernvisionen verdichtet und im Plenum vorgestellt. Hierbei wurde deutlich, dass fast alle (für mich) zentralen Themen auch zur Sprache kamen. Hier ein paar sinngemäß wiedergegebene Visionen:
„Die Kirche ist partizipativ. Laien und Geweihte nehmen demokratisch legitimiert gemeinsam und partnerschaftlich Leitung wahr. Wir haben ein neues Amtsverständnis, dass Ausdruck der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist. Wir sind eine Kirche für die Armen. Die Kirche ist frei von Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Rasse oder sexueller Orientierung. Die Kirche steht im Dienste der Menschen. Wir können unseren Glauben so ausdrücken, dass er in der Welt verstanden wird. …“
In der letzten Arbeitseinheit haben wir dann alle überlegt, was wir von der Auftaktveranstaltung mitnehmen, und wie wir weiter dazu beitragen wollen, dass der Gesprächsprozess gelingt und wir die Visionen angehen.
Die Veranstaltung war im wirklichen Sinne eine Auftakt-Veranstaltung. Ich habe den Eindruck, dass sich etwas in der Kultur des Miteinanders getan hat. Ängste, sowohl der Laien als auch der Geweihten, wurden abgebaut. Es ist eine Atmosphäre entstanden, in der sich alle trauen konnten, ihre Themen, Wünsche und Erfahrungen auszusprechen; und es wurde klar, dass alle, egal welche konkrete Vision sie mitbringen, vor allen Dingen aus und für den Glauben leben und aus Liebe zu ihrer Kirche diese verändern wollen.
Es zeigt sich aber auch, dass es hier noch nicht so richtig zur Sache ging. Es blieb an der Oberfläche, es wurden keine Entscheidungen getroffen und viele Schlagwörter müssen noch gefüllt werden. Hier muss in den nächsten Jahren intensiv gearbeitet und auch um gemeinsame oder zumindest mehrheitliche Positionen gerungen werden. Die Bischöfe haben ein Vertrauen entgegengebracht bekommen, dass sie jetzt nutzen müssen, in dem sie die vielen Themen und Visionen ernst nehmen und kontinuierlich bearbeiten. Aber auch wir dürfen nicht aufgeben und sollten weiter an unseren Visionen arbeiten und in einem intensiven Dialog mit den anderen Katholiken treten.
Zwei Wünsche habe ich für den weiteren Dialogprozess: Erstens, dass das Thema „Communio“, also die Frage, wie wir unser Miteinander in der Kirche gestalten, auf die Tagesordnung kommt. Zweitens müssen wir uns nach außen wenden und das Gespräch mit allen suchen, die außerhalb unserer Kirche sind. Hier gehört der intensive Dialog mit allen Glaubenden genauso dazu wie das Gespräch mit allen, die nicht glauben.
Mit dieser Auftaktveranstaltung ist etwas geschaffen worden, hinter das es kein zurück gibt. Wer die Ergebnisse nicht ernst nimmt, das gegenseitige Vertrauen missbraucht und die entstandene Dialogkultur verlässt, riskiert das Scheitern des Prozesses und mit ihm das Scheitern unser Kirche.